IHS Diagnose ICD-10
12.1 Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Somatisierungsstörung [F45.0] R51  

Diagnostische Kriterien:

  1. Kopfschmerz, der das Kriterium C erfüllt. Keine charakteristischen Merkmale bekannt
  2. Vorliegen einer Somatisierungsstörung nach den Kriterien der DSM-IV:
    1. Vorgeschichte mit vielen körperlichen Beschwerden, die vor dem 30. Lebensjahr begannen, über mehrere Jahre auftraten und zum Aufsuchen einer Behandlung und/oder zu einer deutlichen Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führten
    2. wenigsten vier Schmerzsymptome, zwei gastrointestinale Symptome, ein sexuelles Symptom und ein pseudoneurologisches Symptom.
    3. trotz geeigneter Untersuchungen kann keines der Symptome durch eine bekannte Gesundheitsstörung oder die direkte Wirkung einer Substanz oder eines Medikamentes vollständig erklärt werden oder falls eine solche Gesundheitsstörung besteht, überschreiten die Beschwerden oder die Behinderung das aufgrund der Vorgeschichte, Untersuchungen oder Laborergebnisse zu erwartende Ausmaß
  3. Der Kopfschmerz ist nicht auf eine andere Ursache zurückzuführen

Kommentare:

Wie in der DSM-IV definiert, ist die Somatisierungsstörung eine polysymptomatische Störung, die durch multiple wiederkehrende Schmerzen sowie gastrointestinale, sexuelle und pseudoneurologische Symptome gekennzeichnet ist, über einen Zeitraum von mehreren Jahren besteht und vor dem 30. Lebensjahr auftritt. Diese Beschwerden werden per definitionem als somatoform angesehen, d.h. sie sind durch körperliche Symptome charakterisiert, die auf eine Gesundheitsstörung oder die direkte Einwirkung einer Substanz hinweisen, aber durch solche eben nicht hinreichend erklärt werden können. In den USA werden Somatisierungsstörungen vor allem bei Frauen gefunden, ihr Lebenszeitrisiko, an einer Somatisierungsstörung zu erkranken, wurde auf 2 % geschätzt, mit einem Verhältnis von Frauen zu Männern von etwa 10:1. In einigen anderen Kulturen (z.B. bei Griechen und Puertorikanern) ist das Verhältnis niedriger.

Angemerkt sei, dass die nach DSM-IV für die Diagnosestellung erforderlichen Symptome umfangreich sind: Es müssen im Verlauf des Lebens wenigstens acht somatoforme Symptome aufgetreten sein, von denen jedes schwer genug war, um zum Aufsuchen medizinische Hilfe oder zur Einnahme von Medikamente (verschreibungspflichtig oder freiverkäuflich) zu führen oder um einen Einfluss auf die allgemeine Funktionsfähigkeit der betreffenden Person zu haben (z. B. Fehltage bei der Arbeit). Die DSM-IV hat die Schwelle für die Diagnosestellung so hoch angesetzt, um die Wahrscheinlichkeit falsch positiver Diagnose zu reduzieren, besteht doch die Möglichkeit, dass aktuell noch "unerklärbare" Symptome tatsächlich Teil einer komplexen, bis jetzt noch nicht diagnostizierten Erkrankung mit vielfältigen Symptomen sind wie einer Multiplen Sklerose oder dem systemischen Lupus erythematodes. Somatoforme Störungen mit weniger als acht Symptomen werden in der DSM-IV als undifferenzierte somatoforme Störungen klassifiziert Aufgrund der mit dieser Diagnose verbundenen Unsicherheiten sind A12.6 Kopfschmerzen zurückzuführen auf eine undifferenzierte somatoforme Störung nur in den Anhang aufgenommen worden.

Um einschätzen zu können, ob Kopfschmerzen Teil einer somatoformen Störung sind, ist es wichtig zu fragen, ob der Patient in der Vorgeschichte multiple somatische Beschwerden hatte, da sich ein Patient ab einem bestimmten Zeitpunkt auch auf nur eine spezielle Beschwerde fokussieren kann. Folgendes Fallbeispiel sei angeführt (von Yutzy und Martin, 2003):

Eine 35-jährige Frau stellte sich mit extremen Kopfschmerzen vor, "als wenn ein Messer durch den Hinterkopf ins Auge gestoßen würde" sowie anderen, nahezu täglich auftretenden Kopfschmerzen. Nachdem die klinische und neurologische Untersuchung keinen Hinweis auf eine spezifische Ätiologie der Kopfschmerzen ergab, war es wichtig, sorgfältig nach anderen Beschwerden in der Vorgeschichte zu fragen. In diesem Fall berichtete die Patientin über andere Schmerzen einschließlich abdomineller Schmerzen, z.T. verbunden mit Übelkeit und Erbrechen, sowie Phasen mit Obstipation gefolgt von Diarrhoen, was zur diagnostischen Abklärung einer möglichen Erkrankung der Gallenblase und eines peptischen Ulkus geführt hätte, ohne dass ein nennenswerter Befund erhoben worden sei. Es bestünden auch Schmerzen "in allen meinen Gelenken," aber insbesondere im Bereich der Knie und des Rückens. Im Alter von 27 Jahren sei hier eine degenerative Arthritis diagnostiziert worden sei, bis jetzt hätten sich aber keine deformierenden Veränderungen gezeigt. Seit der Menarche hätte sie Probleme während der Menstruation mit Schmerzen, die sie ans Bett fesselten und starken Blutungen mit "großen blauen Klumpen," welche erst nach einer Hysterektomie vor zwei Jahren im Alter von 33 verschwanden. Die Mutter von vier Kindern berichtete über eine lange Vorgeschichte von sexuellen Problemen einschließlich Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Ihr sei gesagt worden, dass sie eine "gekippte Gebärmutter" habe. Während ihres gesamten Lebens hätte sie nur selten einen Orgasmus erlebt und sie hätte "seit Jahren" keinen Spaß am Sex mehr gehabt. Sie berichtete über Episoden mit Verschwommensehen und "Punkten" vor den Augen, die sie zwangen, ihre Arbeit zu beenden. Phasenweise könne sie auch absolut nichts hören, als wenn "jemand seine Hände über meine Ohren halte". Sie beschrieb auch Phasen mit unkontrollierbarem Zittern und dem Gefühl, dass sie die Kontrolle über ihren Körper verliere, weshalb sie auf das mögliche Vorliegen von epileptischen Krampfanfällen untersucht worden sei. Sie berichtete, dass sie Angst habe, unter einer schweren Erkrankung zu leiden, aber "bei all den Untersuchungen, die ich hatte, hätte man, da bin ich sicher, etwas finden müssen".

Nach der Erhebung der kompletten Vorgeschichte war offensichtlich, dass die Kopfschmerzen nur Teil eines weiterreichenden Syndroms waren. Die Frau hatte multiple körperliche Beschwerden, die vor dem 30. Lebensjahr aufgetreten waren, für die es keine adäquate medizinische Erklärung gab, die schwer genug waren, um medizinische Hilfe aufzusuchen und die eine Vielzahl von Organsystemen betrafen und damit die Kriterien für eine Somatisierungsstörung erfüllten (z.B. wenigsten vier Schmerzen [Kopf-, Bauch-, Rücken- und Knieschmerzen], wenigsten zwei nicht schmerzhafte gastrointestinale Beschwerden [Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Obstipation], wenigstens eine Beschwerde im sexuellen oder reproduktiven Bereich [Schmerzen beim Verkehr, starker menstrueller Fluss, Verlust der sexuellen Lust] und wenigstens ein pseudoneurologisches Symptom [gedämpftes Hören, unkontrollierbares Zittern, Verschwommensehen, Punkte im Gesichtsfeld]). Daher sollten ihre Kopfschmerzen als 12.1 Kopfschmerzen zurückzuführen auf eine Somatisierungsstörung diagnostiziert werden.