IHSDiagnoseICD-10
1.1Migräne ohne AuraG43.0  
Früher verwendete Begriffe Einfache Migräne, Hemikranie

Beschreibung:

Wiederkehrende Kopfschmerzerkrankung, die sich in Attacken von 4 -72 Stunden Dauer manifestiert. Typische Kopfschmerzcharakteristika sind einseitige Lokalisation, pulsierender Charakter, mäßige bis starke Intensität, Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten und das begleitende Auftreten von Übelkeit und/oder Licht- und Lärmüberempfindlichkeit.

Diagnostische Kriterien:

  1. Mindestens fünf Attacken1, welche die Kriterien B-D erfüllen
  2. Kopfschmerzattacken, die (unbehandelt oder erfolglos behandelt) 4-72 Stunden 2;3;4 anhalten
  3. Der Kopfschmerz weist mindestens zwei der folgenden Charakteristika auf:
    1. einseitige Lokalisation 5;6
    2. pulsierender Charakter7
    3. mittlere oder starke Schmerzintensität
    4. Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten (z.B. Gehen oder Treppensteigen) oder führt zu deren Vermeidung
  4. Während des Kopfschmerzes besteht mindestens eines:
    1. Übelkeit und/oder Erbrechen
    2. Photophobie und Phonophobie 8
  5. Nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen 9

Anmerkung:

  1. Die Differenzierung zwischen einer 1.1 Migräne ohne Aura und einem 2.1 sporadischen episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp kann schwierig sein. Daher werden mindestens 5 Attacken gefordert. Patienten, die ansonsten die Kriterien einer 1.1 Migräne ohne Aura erfüllen, aber bisher weniger als 5 Attacken erlitten haben, sollten unter 1.6.1 wahrscheinliche Migräne ohne Aura kodiert werden.
  2. Schläft ein Patient während einer Migräne ein und erwacht kopfschmerzfrei, gilt als Attackendauer die Zeit bis zum Erwachen.
  3. Bei Kindern können Migräneattacken 1-72 Stunden dauern (Eine unbehandelte Dauer unter 2 Stunden bedarf dabei noch weiterer wissenschaftlicher Untermauerung durch prospektive Tagebuchstudien).
  4. Bei einer Migränehäufigkeit von ≥ 15 Tagen/Monat für >3 Monate sollten 1.1 Migräne ohne Aura und 1.5.1 chronische Migräne kodiert werden.
  5. Bei jüngeren Kindern sind Migränekopfschmerzen häufig beidseitig. Das für Erwachsene typische Erscheinungsbild des einseitigen Kopfschmerzes entwickelt sich meist im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter.
  6. Migränekopfschmerzen sind in der Regel frontotemporal lokalisiert. Okzipitale Kopfschmerzen, ob ein- oder beidseitig, sind bei Kindern selten und erfordern besondere diagnostische Vorsicht. In vielen Fällen sind die Kopfschmerzen auf eine strukturelle Läsion zurückzuführen.
  7. Pulsieren meint Pochen oder sich mit dem Herzschlag verändernd.
  8. Bei jüngeren Kindern kann das Vorliegen von Photophobie und Phonophobie vom Verhalten her erschlossen werden.
  9. Vorgeschichte, körperliche und neurologische Untersuchungen geben keinen Hinweis auf eine der unter 5 bis 12 aufgeführten Erkrankungen oder Vorgeschichte und/oder körperliche und/oder neurologische Untersuchungen lassen an eine solche Erkrankung denken, doch konnte diese durch geeignete Untersuchungen ausgeschlossen werden oder eine solche Erkrankung liegt vor, Migräneattacken traten jedoch nicht erstmals in engem zeitlichen Zusammenhang mit dieser Erkrankung auf.

Kommentar:

1.1 Migräne ohne Aura ist die häufigste Unterform der Migräne. Die durchschnittliche Attackenfrequenz liegt höher als bei der 1.2 Migräne mit Aura und sie geht meist auch mit einer größeren Behinderung einher.

Die Migräne ohne Aura weist häufig eine strenge Beziehung zur Menstruation auf. Im Gegensatz zur 1. Auflage der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen werden in der 2. Auflage die Kriterien für A1.1.1 rein menstruelle Migräne und A1.1.2 menstruationsassoziierte Migräne aufgeführt, jedoch ausschließlich im Anhang, da weiter Unklarheit darüber besteht, ob es sich um separate Entitäten handelt.

Sehr häufig auftretende Migräneattacken werden nun als 1.5.1 chronische Migräne hervorgehoben - vorausgesetzt, es besteht kein Medikamentenübergebrauch. Die Migräne ohne Aura ist die Erkrankung, die am anfälligsten dafür ist, bei zu häufigem Gebrauch von symptomatischer Medikation an Häufigkeit zuzunehmen, was in einem neuen Kopfschmerz resultieren kann, der dann als Kopfschmerz bei Subtanzübergebrauch kodiert wird.

Der regionale zerebrale Blutfluss zeigt während Migräneattacken ohne Aura keine Veränderungen, die auf eine "cortical spreading depression" hinweisen, auch wenn Veränderungen des Blutflusses im Hirnstamm ebenso auftreten können, wie kortikale Veränderungen als sekundäre Folge einer Schmerzaktivierung. Dies steht im Gegensatz zur pathognomonischen "spreading oligemia" bei der Migräne mit Aura. Mit hoher Wahrscheinlichkeit spielt die "spreading depression" daher in der Migräne ohne Aura keine Rolle. Dagegen sind die Botenmoleküle Stickoxid (NO) und Calcitonin-Gene-Related Peptide (CGRP) mit Sicherheit involviert. Galt dieses Krankheitsbild in der Vergangenheit noch als rein vaskulär bedingt, rückte die Wichtigkeit der Sensibilisierung perivaskulärer Nervenendigungen und die Möglichkeit, dass Attacken im zentralen Nervensystem generiert werden, in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses. Zur gleichen Zeit sind die Verschaltungen des Migräneschmerzes und zahlreiche Aspekte der Neurotransmission in diesem System aufgedeckt worden. Ein entscheidender Beitrag hierfür wurde durch die Einführung der Triptane, 5-HT1B/D Rezeptoragonisten, geleistet. Diese Substanzen haben eine erstaunliche Effektivität in der akuten Attacke. Aufgrund ihrer hohen Rezeptorspezifität erlaubt ihr Wirkmechanismus neue Einsichte in die pathophysiologischen Abläufe der Migräne. Es ist heute unstrittig, dass die Migräne ohne Aura eine neurobiologische Erkrankung ist. Sowohl die klinische als auch die Grundlagenforschung erweitern unser Wissen über die Migränemechanismen derzeit mit zunehmender Geschwindigkeit.

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